Beim Siebdrucken muss man mit allem rechnen 2018-07-25T23:17:44+00:00

« Beim Siebdrucken muss man mit allem rechnen »

Als Gaspard Weissheimer die Schule abschliesst, hat er nur eines im Sinn : Er will reisen. Heute ist er Grafikdesigner und Siebdrucker und vernarrt in die Siebdrucktechnik. Mit seinem gelben Bus fährt er durch die ganze Schweiz, um anderen diese Drucktechnik zugänglich zu machen – trotz Widerständen.

Der Flug geht erst in ein paar Stunden, Zeit für ein paar Notizen. Gaspard Weissheimer setzt sich in der Abflughalle auf eine Bank, zückt sein Notizheft und notiert : Porto Airport, 25.9.2011. Ein verrücktes Wochenende mit Freunden in der portugiesischen Hafenstadt liegt hinter ihm. So hängt er seinen Gedanken nach, als ihn wie aus dem Nichts auf einmal eine Idee überfällt. Ein Geistesblitz ! Diesen kann er dringend brauchen, denn die Diplomarbeit des Designstudiums rückt immer näher.

Aus diesem Gedankenblitz ging eine Leidenschaft hervor, die bis heute anhält – und die er schliesslich zum Beruf gemacht hat. In einer ehemaligen Garage an der Breisacherstrasse im Kleinbasel hat er sein Atelier eingerichtet; Glasfront zur Strasse und in den Hinterhof, hohe Betonwände, beklebt mit Kunstdrucken, Fotografien und Plakaten. Gleich im Eingang pocht das Herz seines Ateliers : die Siebdruckwerkstatt samt Trockenhorde und einer Unzahl an Farbtuben.

Die Idee am Flughafen in Porto ? Er will einen Koffer bauen, in dem eine ganze Siebdruckerei drin Platz hat. Schnell skizziert er, was ihm vorschwebt : Der Koffer sollte leicht zu transportieren sein und simpel in der Handhabung, sodass man einfach Sieb und Farbe auspacken und loslegen kann. Mit dem Koffer wollte er später auf Reisen gehen, « um gemeinsam mit anderen siebdruckend die Welt zu erforschen », sagt Gaspard Weissheimer, und gibt seiner Stimme ein wenig gespielten Nachdruck.

Die Sache hat nur einen Haken. « Eigentlich hatte ich keine Ahnung, was Siebdruck genau ist », sagt er und scheint bei diesen Worten selbst ein wenig verwundert darüber. Einige wenige Male nur hatte er sich im Siebdrucken versucht, Farbe aufgetragen und diese mit der Rakel langsam über das Sieb gezogen, jedes Mal fasziniert über das gedruckte Ergebnis.

Immer, wenn man Gaspard Weissheimer im Atelier besucht, kocht er Kaffee mit seiner kleinen Bialetti-Kanne. Am Tisch mit Blick in den begrünten Hinterhof erinnert er sich an seine Jugend zurück und sagt dann den überraschenden Satz : « Ich hatte nie die Absicht, etwas mit Gestaltung oder Grafik zu machen. »
Und so erzählt er von seinem Vorbild Claude Mar­thaler, der innert sieben Jahren um die Welt geradelt ist. Wie er wollte Gaspard Weissheimer reisen, den Wind in den Haaren spüren, die Freiheit. 2003 wurde das erste Velo-Projekt an der FOS (Freie Oberstufenschule Muttenz) realisiert, wo er sein Liegerad baute. Als Abschlussarbeit entwarf er ein Zelt, nähte es zusammen und fuhr nach der Schule nach Irland und war drei Monate unterwegs. Wieder zurück schrieb er darüber ein Buch und ergänzte den Text mit seinen Bildern. Doch es sollten noch fünf Jahre vergehen, bis er sich am Hyperwerk einschreiben wird, einem Studiengang für Gestaltung und konzeptionelles Denken.

Aus der Idee vom Flughafen mit dem Koffer wird zwar nichts, dafür baut er eine mobile Siebdruckstation, woraus später der Druckbus entsteht; in sechs Kisten hat er die gesamte Ausrüstung untergebracht, die er zum Drucken braucht. Regelmässig hievt er diese in seinen gelben Post-Bus und fährt dorthin, wo man ihn ruft – auf den Pausenhof, zum Teamevent oder an Festivals.

« Ich möchte nicht missionarisch wirken », sagt Gaspard Weissheimer. Er möchte Interessierten das Wissen über diese Druckkunst vermitteln, die auch Laien schnell erlernen könnten – vorausgesetzt, man wird fachkundig vorbereitet.

Obwohl der Vorgang grundsätzlich simpel sei – verkürzt gesagt : man streicht Farbe durch ein präpariertes Sieb – hängt der Erfolg vom Zusammenspiel unzähliger Faktoren ab, erklärt der Gestalter. Die äusseren Umstände könnten den Druckprozess erschweren oder ganz verunmöglichen.

Einmal war er zu einem Erntedankfest eingeladen, fuhr in das abgelegene Dorf, stellte den Bus auf dem Feld ab und richtete seine Siebdruckstation ein. Es regnete in Strömen, Planen wurden aufgespannt. Doch es half alles nichts : Die bedruckten Papierbögen wurden einfach nicht trocken, die Luft war zu feucht.

Ein anderes Mal versengte die Sonne die beschichteten Siebe; der Drucknachmittag mit der Schulklasse schrammte dank Plan B nur knapp an einer Enttäuschung vorbei. Daraus hat er gelernt. Er versuche nun, alle Möglichkeiten im Voraus irgendwie einzuberechnen. « Aber es ist unmöglich. »

Wer dem grossen Mann mit dem verschmitzten Gesichtsausdruck zuhört, möchte am liebsten gleich selbst ein Sieb in die Hand nehmen. « Ich geniesse das Repetitive, das Monotone beim Drucken », sagt er. « Es beruhigt mich. »

Frei sein, sich treiben lassen. Der Grafikdesigner ist selbstständig, ein Leben ohne Chef, ein Leben in Freiheit. Aber das geht nicht ohne Pragmatismus. Dann steht er bis spätnachts im Atelier, um für einen Grossauftrag 2000 Stück anzufertigen. « Unlustig », umschreibt er diesen Zustand knapp und zuckt mit den Schultern, es muss halt sein.

Klagen liegt ihm fern. Seine Motivation ist der Motor, der ihn pausenlos antreibt. Was mit einem Koffer begonnen hat, ist jetzt sein Siebdruckatelier : Der Reisende hat sich nur niedergelassen, um eines Tages wieder von Neuem loszuziehen.

Gaspard Weissheimer (32) ist Siebdrucker, Grafikdesigner und Fotograf. Den Druckbus kann man samt Siebdrucker mieten : www.druckbus.ch.
Eine Auswahl an Arbeiten als Grafikdesigner zeigt er hier: www.weissheimer.ch.