Die Kinder nehmen uns nicht mehr als Respektpersonen wahr 2018-07-25T23:18:03+00:00

«Die Kinder nehmen uns nicht mehr als Respektpersonen wahr»

Ulrike Poetter bildet an der Akademie für anthroposophische Pädagogik (AfaP) Studierende und Lehrpersonen zu Förderpädagogen aus. Bei ihr lernen sie den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern, basierend auf der Lehre Rudolf Steiners. Diese Kompetenz braucht es in Zukunft mehr denn je.

Frau Poetter, wenn Sie zurückdenken an Ihre Schulzeit, was für ein Kind waren Sie ?
Ich war ein Dummerchen, ein klassischer Spätentwickler.

Ein Dummerchen ? Erklären Sie mir das.
Ich war ein typisches förderpädagogisches Kind, weil ich weder lesen noch schreiben konnte. In der Grundschule hiess es, die ist halt ein wenig zurückgeblieben. Tatsächlich aber hatte ich Legasthenie. Nur wusste man damals erst sehr wenig darüber.

Und ihre Eltern ?
Auch meine Eltern waren davon überzeugt, dass ich halt ein bisschen dumm sei, was aber ihrer Ansicht nach nicht so schlimm war, da man als Frau auf dem Heiratsmarkt schon das Rennen machen würde.

Sie wurden nicht extra gefördert ?
Anfangs nicht. Aber dann kam ein Lehrer an unsere Schule, der die Ausbildung zum Sonderpädagogen machte und das Anerkennungsjahr absolvieren musste. Der hat mich wahrgenommen und erkannt, dass ich keine Intelligenzprobleme habe, sondern lediglich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hatte. Er hat mir und einem anderen Mädchen aus freien Stücken Förderunterricht gegeben und damit den Makel des Dummerchens genommen, sodass ich eine ungewöhnliche, aber erfolgreiche Schullaufbahn durchlaufen konnte. Meine Dankbarkeit dieser Lehrerpersönlichkeit gegenüber hat mich mein Leben lang begleitet.

Sie wissen also, was es heisst, besonders gefördert zu werden.
Ja, das war ein Geschenk für mich.

Nach dem Abitur haben Sie Theologie studiert. Wie kam das ?
Am Theologiestudium gefiel mir die Bandbreite der Themen : Geschichte, alte Kulturen, alte Sprachen, Philosophie, Kunstgeschichte, alles war dabei. An das Berufsbild habe ich dabei nie gedacht. Nachdem ich das Studium und das Vikariat abgeschlossen hatte und die Ordination bevorstand, liess ich etwa zeitgleich meine Tochter in einer Steinerschule einschulen. Die Pädagogik begeisterte mich so, dass ich kurz entschlossen selbst Steinerpädagogin werden wollte und die zugesprochene Pfarrstelle ablehnte.

Einfach so, von heute auf morgen ?
Dieser Schritt hatte sich schon etwas vorbereitet. Ich hatte mich bereits eingehend mit der Christologie Rudolf Steiners befasst und die Distanz zur evangelischen Theologie und dem Berufsfeld wurde zunehmend grösser.

Haben Sie diese Entscheidung nie bereut ?
Nein, nie. Ich war viele Jahre leidenschaftlich gerne Klassenlehrerin.

Sie waren 15 Jahre Klassenlehrerin an Waldorf­schulen in Deutschland, danach in der Schweiz unter anderem als Heileurythmistin in der Sozialpädagogik. Sie haben viel Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Gibt es Ihrer Meinung nach heute mehr verhaltensauffällige Kinder als früher ?
Die Probleme haben sicher zugenommen. Aber ob die Ursachen in den Kindern oder unserer Gesellschaft liegen, wage ich nicht zu beurteilen. Man geht heute davon aus, dass 20 Prozent der Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, etwa zwei bis drei Kinder pro Klasse. In den Kindergärten der Schweiz geht man sogar von 26 Prozent aus. Die Klagen der Pädagogen über schwierige Kinder nehmen zu.

Haben sich denn die Kinder nicht auch verändert in den letzten 10, 20 Jahren ?
Selbstverständlich. Die einzelnen Individualitäten treten viel früher in den Vordergrund. Als ich als Klassenlehrerin in den 80er und 90er Jahren unterrichtet habe, war es noch möglich, aus einem allgemeinen Entwicklungsstrom heraus zu unterrichten. Jetzt ist es so, dass die Kinder von vornherein als Individualität wahrgenommen werden möchten und darum auch eine individuelle Ansprache brauchen.

Die Kinder verlangen heute nach mehr Aufmerksamkeit als früher ?
Ich denke, ja ! Selbstverständlich hat es in der Vergangenheit immer Kinder gegeben, die für Pädagogen eine besondere Herausforderung darstellten. Gegenwärtig möchten Kinder sehr früh schon in ihrer individuellen Wesenheit angesprochen werden. Im sozialen Gefüge drängt dadurch der Einzelne bereits im Kindergarten mehr in den Mittelpunkt, einerseits mit seinen Begabungen, aber auch mit seinen Besonderheiten und Schwierigkeiten. Das erfordert von Pädagogen einen individualisierteren Umgang mit den Kindern und andererseits eine erhöhte Aufmerksamkeit für soziale Prozesse. Die werden nämlich komplexer, wenn die einzelnen Persönlichkeiten stärker hervortreten.

Wo sehen Sie denn die Gründe für diese Entwicklung ?
Einer der Gründe ist, dass sich die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen zunehmend verwischt. Kinder benehmen sich wie kleine Erwachsene, sie sehen auch so aus, wenn man an die Kleidung denkt. Kinder sind heute früh wach und haben schon viel Schicksal erlitten. Sie verfügen bereits früh über viel verunsicherndes Weltwissen und leben sehr geradlinig aus, was in ihnen ist. Dadurch verliert sich die natürliche erzieherische Distanz zu Eltern und Lehrern, sodass die Kinder dem Erwachsenen nicht mehr per se eine gewisse Autorität zubilligen.

Die Erwachsenen müssen um ihre Autorität ringen ?
Genau. Für die Eltern wie auch die Lehrpersonen bedeutet dies, dass sie die Autorität durch einen authentischen Beziehungsaufbau und durch echtes Interesse am Heranwachsenden erst erringen müssen.

Noch einmal zurück zum Kind und den Verhaltensauffälligkeiten : Wenn es mit sieben Jahren in die Schule kommt, muss es lernen stillzusitzen, sich zu konzentrieren, Aufgaben lösen …
… das beginnt schon im Kindergarten ! Bereits da werden die Kinder intellektuell beschult. Unser ganzes Bildungswesen ist zutiefst intellektualisiert. Bei den meisten Tätigkeiten in Kindergarten und Schule wird ganz stark der Kopf angesprochen. Dann geht der Wille eigene Wege. Das führt dazu, dass die Kinder ihrer Lust und Unlust unglaublich ausgesetzt sind. Wenn das Kopfwissen sich über Interesse und Begeisterung mit einem Willensimpuls zusammenschliesst, ergibt sich ein echtes Motiv des Handelns.

Also das intellektualisierte Bildungswesen sehen Sie als einen der Gründe für verhaltensauffällige Kinder ?
Genau ! Wenn der Wille nicht mehr erzogen wird durch Motive, die begeistern, kann das zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Dann mangelt es an sogenannter Impulskontrolle, an Konzentrationsfähigkeit, dann lebt sich der ungebundene Wille in Hyperaktivität aus. Eigentlich ist die Aufgabe der Pädagogik, den ganzen Menschen anzusprechen, also Kopf, Herz und Hand. Die Kinder haben im Kopf tolle Pläne, aber sie bringen die Kraft nicht auf, diese wirklich umzusetzen. Und das frustriert zutiefst. Die Schüler hängen dann ab und sagen, bin sowieso blöd, hat eh keinen Zweck.

Und da kommt die Förderpädagogik ins Spiel. Was versucht sie im Kind zu fördern ?
Ein Förderpädagoge beobachtet genau, was sich an Schwierigkeiten vor das Wesen des Kindes schiebt und versucht, diese aus dem Weg zu räumen, soweit dies möglich ist, denn der Förderpädagoge ist kein Therapeut. Er braucht ein gewisses Spektrum an Methodenvielfalt, ein solides Hintergrundwissen, ein gutes Mass an Einfühlung und pädagogisches Geschick.

Sie bilden an der Akademie für anthroposophische Pädagogik (AfaP) Lehrpersonen zu Förderpädagogen aus. Was lehren Sie Ihren Studierenden ?
Ich versuche zunächst ein gewisses Fachwissen zu vermitteln, praxisnah und praxistauglich. Ein Beispiel : Wenn ich mich mit einer Pflanze draussen beschäftigt habe, dann sehe ich diese Pflanze viel öfters und mit anderen Augen. Deswegen brauchen wir ein gutes Fachwissen über die verschiedenen Schattierungen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern.

Um die Wahrnehmung der Lehrpersonen zu schärfen ?
Ja, aber die Fachbegriffe sollen im Hintergrund bleiben. Die Begriffe sind nicht dazu da, um die Kinder damit zu etikettieren oder klassifizieren.

Warum ?
Weil es den Blick vernebelt für das Individuelle des Kindes. Die Diagnose schiebt sich sozusagen vor das Kind. Und dann ist das Kind nicht mehr der Fabian, sondern der Fabian, der ADHS hat. Dann ist er ein sogenannter ADHSler. Somit wird der Schüler abgestempelt, mit Vorurteilen behaftet und in ein Erkenntniskorsett gezwängt.

Das merken die Kinder ?
Ja, unmittelbar. Und das ist eine starke Verletzung für ihre Wesenheit. Wir müssen das Kind anschauen und dürfen es nicht mit den Problemen verwechseln, die es hat. Das ist ganz wichtig, sonst kommt man in Zukunft mit diesen Kindern nicht zurecht.

Geht es denn heute und in Zukunft als Lehrperson nicht mehr ohne die Zusatzausbildung in der Förderpädagogik ?
Ich glaube, dass sie heute zumindest ein Grundwissen brauchen, um ihre Wahrnehmung zu schärfen. Dass sie zum Beispiel nicht etwas von einem Schüler verlangen, was er gar nicht im Stande ist zu leisten. Gerade verhaltensauffällige Schüler darf man nicht überfordern, da sie sich schnell verweigern, aggressiv reagieren und dann in die ewige Schlaufe der negativen Aufmerksamkeit geraten.

Das Fachwissen alleine dürfte aber in so einem Fall wohl kaum ausreichen.
Nein, die Pädagogen brauchen heute nicht nur Fachwissen, sondern es ist sehr wichtig, dass sie sich auf den Weg der eigenen Persönlichkeitsentwicklung begeben.

Konkret ?
Man kann sich als Pädagoge zum Beispiel nicht erlauben, durch Bemerkungen eines Kindes verletzt zu sein. Schüler attackieren zuweilen, besonders verhaltensauffällige. Da braucht es einen professionellen Abstand, auch zur eigenen Person; und das erreicht man nur durch ständiges Ringen um Selbstführung.

Das heisst, es ist nicht nur eine Frage, wie man mit den Kindern umgeht, …
… sondern, wie kann ich mich verwandeln.

Verwandeln klingt jetzt ein bisschen nach Zauberei.
Das klingt nicht nach Zauber. Wir haben einen freien Willen zur Verfügung, den wir auf die persönliche Entwicklung anwenden können. Nicht der Erfolg ist dabei entscheidend, sondern das ernsthafte Bemühen um Selbstreflexion und Selbstverwandlung. Ich vermute, dass allein diese innere Energie des Pädagogen in Zukunft die Substanz bilden wird, an der sich Kinder erziehen können.

Wie stellen Sie sich denn den idealen Pädagogen der Zukunft vor ?
Der zukünftige Pädagoge ist nicht allein der mit den vielen pädagogischen Tricks und dem grossen Fachwissen, sondern derjenige, der sich als Persönlichkeit entwickelt. Die Kinder wollen keinen Superhelden vor sich haben, sondern einen echten Menschen, der mit Scheitererfahrungen, Unsicherheiten, Krisen umgehen kann. Die Kinder durchschauen uns.

Was meinen Sie mit « durchschauen » ?
Die Kinder nehmen uns nicht mehr als Respektsperson wahr, weil sie uns durchschauen und unsere Unwahrhaftigkeit erkennen. Wir sagen vorne das und denken hinten etwas Anderes dabei. Sie brauchen eine absolut wahrhaftige Begegnung mit uns Menschen und nicht mit uns als Rollenträger.

Sie stellen hohe Anforderungen an die heutigen Lehrpersonen.
Ja, das sind hohe Anforderungen. Aber wir stehen da am Anfang eines Entwicklungsprozesses, den wir nicht verpassen dürfen. Die zukünftige Generation braucht mehr denn je Persönlichkeiten, die sich darin üben, im pädagogischen Moment des Geschehens sich selber loszulassen, um einem neu Entstehenden Raum zu geben. Es braucht nicht Leute, die ganz viel Konzepte im Kopf haben, die meinen, alles durch Strukturen regeln zu können. Das, was der Pädagoge als Mensch ist, wird immer entscheidender.

Ulrike Poetter (1956) ist Dozentin und Leiterin der Förderpädagogischen Weiterbildung und Kindergartenausbildung an der Akademie für anthroposophische Pädagogik in Dornach (AfaP) und als Heileurythmistin in der sozialtherapeutischen Einrichtung Sonnhalde Gempen tätig.