Eine stürmische Fahrt 2018-07-25T23:18:25+00:00

Eine stürmische Fahrt. FOSsailing auf hoher See

Unterwegs mit den beiden Katamaranen Solea und Planado, die vor 15 Jahren an der FOS in Muttenz gebaut wurden. Eine Fahrt von Korsika nach Sardinien.

Anfang September, auf dem nördlichen Mittelmeer kündigt sich langsam der Herbst an. Die Temperaturen werden kühler, die Tage kürzer, die Winde stärker. Während den vergangenen Monaten waren die beiden Katamarane Solea und Planado ohne Unterbruch unterwegs. Fuhren durch die Gewässer zwischen Sardinien, dem Golf von Piombino und Korsika. Zu einsamen Buchten, abgelegenen Inseln, durch schäumende Wellen und spiegelglatte See. Jede Woche eine neue Crew, acht Personen auf jedem Schiff.

Zuletzt segelten die Schiffe mit Studierenden der Universität Zürich von Elba über Capraia nach Saint-Florent im Nordwesten Korsikas. Ankunft am Freitagabend, am Samstag dann das Schiff schrubben und bereits steht die nächste Crew im Hafen. Männer und Frauen zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreissig, bereit für den nächsten Törn. Geplant war eine sportliche Segelwoche mit fortgeschrittenen Seglern entlang der abgeschiedenen Westküste Korsikas südwärts nach Sardinien. Doch die Windprognosen zwingen uns, die Route zu ändern : Ein Sturm wird kommen.

Düstere Prognosen

Über dem Golf von Lyon an der Südküste Frankreichs baut sich ein starker Mistral auf, es ist eines der vorherrschenden Wettersysteme in diesem Teil des Mittelmeeres. Dabei strömt Luft von einem Hoch über den Azoren nach Kontinentaleuropa, pfeift durch das französische Rhonetal ins Mittelmeer in Richtung Südosten, nach Sardinen und Korsika, und angesogen von einem Tiefdruckgebiet weiter nach Norditalien.

Bereits jetzt bläst eine steife Brise aus Nordwesten durch die Bucht. Bis am übernächsten Tag könnte der Wind Sturmstärke erreichen, so sagen es die Prognosen.
Am Abend setzen sich die beiden Crews und die Skipper zusammen. Essen Pizza und besprechen die nächsten Tage. Die geplante Route ist aufgrund der Windverhältnisse nicht mehr möglich, zu ungeschützt wären Schiffe und Crews dem Wetter ausgesetzt. Stattdessen geht es gegen Osten.

Nur wenige Meilen entfernt liegt das Cap Corse, das Schutz bietet vor den Wellen. Am kommenden Morgen ist es noch dunkel, als die Crewmitglieder aufwachen. Jemand holt in der Bäckerei die bestellten Sandwiches und frische Croissants. Kurz vor sieben sind die Leinen gelöst, Solea und Planado nehmen Kurs auf in Richtung Cap Corse. Der Anfang einer windigen Segelwoche mit Böen in Orkanstärke und einer anspruchsvollen Routenplanung.

Mit 13 Knoten dem Horizont entgegen

Zuerst lässt der Wind auf sich warten. Die ersten zwei Stunden bläst er nur schwach, dann dafür stärker als prognostiziert. Bei schäumenden Wellen und mit gerefften Segeln fahren Solea und Planado in Richtung Kap, Kurs 5 Grad Nord. Die Schiffe segeln die Wellenkämme hinab und erreichen dabei Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 13 Knoten. Möwen und Seeschwalben jagen durch die Wellentäler, am Horizont verfangen sich graue Wolken in den Gipfeln Korsikas.

Bastia, die Inselhauptstadt, ist das Ziel der Tages­etappe und liegt noch in weiter Entfernung. Knapp acht Stunden später taucht die Stadt am Horizont auf. Böige Winde mit bis zu acht Beaufort blasen von den Bergen meerwärts, während Solea und Planado sich der Hafeneinfahrt nähern. Im Hafenbecken sind zwei Plätze für die Katamarane reserviert.

Es ist Sonntagabend, als die beiden Crews im Hafen festmachen. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand weiss : Aufgrund der Windbedingungen werden die Schiffe nicht vor Mittwochmorgen wieder auslaufen können.

Warten auf guten Wind

Die Crew verbringt drei Nächte im Hafen von Bastia. Am Abend spielt der Hafenmeister mit Gitarre auf seiner Segelyacht französische Chansons, während der zunehmende Wind zwischen den Masten hindurchgeht. Solea und Planado sind mit zahlreichen Leinen befestigt, für die Nacht sind Böen in Orkanstärke prognostiziert. Während den folgenden 24 Stunden fegen Fallwinde durch den Hafen. Der Wind bläst ohne Unterbruch, reisst Leinen los und wirft Tische um. Die Crews auf den beiden Katamaranen halten Nachtwache, alles hält.

Nach einer abermals kurzen Nacht starten die beiden Schiffe am frühen Mittwochmorgen zur nächsten Etappe. Der noch immer kräftige Wind bringt Solea und Planado in Richtung Süden. Im Morgengrauen beissen zwei Fische an den nachgezogenen Schleppleinen. Erneut ein langer Tag, es dämmert bereits, als die beiden Schwesterschiffe im Südosten Korsikas in einer kleinen Bucht vor Anker gehen. Makrele und Sardine landen zum Abendessen in der Bratpfanne.

Auch am kommenden Morgen bleibt keine Zeit zum Ausschlafen. Bis nach Sardinien bleibt noch eine grosse Etappe. Und der Tag bringt abermals mehr Wind als erwartet. Der Mistral hat nicht aufgehört und bläst mit sechs Windstärken durch die Strasse von Bonifacio, welche Korsika und Sardinien voneinander trennt. Der Himmel ist strahlend blau.

Zwei Stunden nachdem die Crews den Anker gelichtet haben, sind die Segel wieder voll gerefft. Das Wasser spritzt übers Deck, die Sonne scheint, die Stimmung ist gut. Das Ziel des Tages heisst Caprera, eine kleine Insel zwischen Sardinien und Korsika mit abgeschiedenen Felsenbuchten.

Die letzte grössere Etappe folgt am nächsten Tag. Das Festland von Sardinien ist längst in Sicht, als die beiden Schiffe zu einer Regatta starten. Die Skipper halten sich zurück, es sind die Törnteilnehmer, welche für das Rennen die Entscheide treffen. Kopf an Kopf segeln die beiden Schiffe gegen den Wind in Richtung Sardinien.

Mit kleinem Vorsprung fährt Planado zuerst über die vereinbarte Ziellinie. Dann drehen die Katamarane ab in die letzte Bucht für diese Woche. Weisser Sandstrand, ein letztes Essen auf dem Schiff, der letzte Rum, Lieder singen bis spät in die Nacht. Von hier bis Portisco, dem Endziel des Törns, ist es noch eine halbe Meile.

Simon Jäggi (32) ist freier Journalist und im Leitungsteam des Vereins Jugendprojekte.