Müllsammeln als erzieherische Massnahme 2018-07-25T23:18:45+00:00

Müllsammeln als erzieherische Massnahme

Zusammen mit elf Schülerinnen und Schülern der Bergschule Avrona reiste der Institutionsleiter Mayk Wendt nach Marokko, um die Jugendlichen mit dem Naturschutz vertraut zu machen. Ein Bericht von der Küste Nordafrikas.

« Warum tragen sie hier Gewänder ? Was haben lange Bärte und die arabische Kultur mit Terrorismus zu tun ? Und warum sehen wir so wenige Frauen ? » Diese Fragen tauchten bei den Jugendlichen bereits kurz nach Ankunft am Flughafen in Marrakesch auf.

Elf Jugendliche sind ins Lager mitgekommen, alle zwischen 12 und 16 Jahre alt. In dieser Zeit, der Pubertät, erwacht im jungen Menschen das Weltinteresse. In der Auseinandersetzung mit der Welt, mit anderen Kulturen und mit grösseren Themen wie Umwelt- und Naturschutz finden sie einen Bezug zur eigenen Biografie und damit auch zu den eigenen Schwierigkeiten. Das ist ein Ziel dieses Projekts, Antworten aber auch Fragen beim Jugendlichen auszulösen.

Ohne jeden Luxus leben

Freundlich und herzlich empfingen uns die Einheimischen in dem kleinen Fischerdorf Imsouane an der Atlantikküste in der schlichten und einfachen Unterkunft von Hassan. Hassan war einer der ersten Bewohner dieses Landstriches an der Küste zwischen Agadir und Essaouira. Er betreibt seit vielen Jahren eine kleine Auberge ohne jeglichen Luxus und mit einfachen Bedingungen. Auf all meinen privaten Reisen lernte ich die marokkanische Authentizität bei ihm schätzen.

Seit vielen Jahren reise ich privat nach Imsouane. Dabei konnte ich den Fortschritt und die Entwicklung teilweise miterleben. Vor wenigen Jahren gab es weder eine Strassenbeleuchtung noch fliessend Wasser. Von Internet und Mobilfunk nicht zu sprechen.

Auch in diesen Tagen ist die Grundversorgung noch lückenhaft und einfach. Warmes Wasser zum Duschen ist limitiert. Freier Internetzugang rudimentär, aber möglich. Der Fortschritt hält mit grossen Schritten Einzug.

Klare Regeln im Umgang mit den elektronischen Geräten, Mithilfe beim Säubern der Unterkunft und beim Kochen waren selbstverständlich. Denn gerade an diesen grundlegenden Fähigkeiten mangelt es mehr denn je.

Die meisten der Jugendlichen haben ein sehr geringes Selbstbewusstsein und können nur schlecht mir Frustrationen umgehen. Wenn es beim Surfkurs nicht auf Anhieb funktionierte, war der Stress, damit umgehen zu können, schnell gross. Frustration zeigt sich auch, wenn mich das Gegenüber nicht versteht oder der junge Mensch mit kulturellen Änderungen konfrontiert ist, wie die Zeiten der Mahlzeiten zum Beispiel.

Das Ziel : Jugendliche zu sensibilisieren

Meeres- und Naturschutz liegen mir seit Langem am Herzen. Als Institutionsleiter der Bergschule Avrona kann ich vor allem als Pädagoge dafür tätig sein. Die Jugendlichen für die Müll- und Verschmutzungsproblematik zu sensibilisieren, ist dabei die wichtigste Aufgabe.

Wie aber können die jungen Menschen aus der wohlhabenden Schweiz, die zumeist aus den Bergkantonen kommen, einen Bezug zum Meer bekommen ? Wie können sie verstehen, dass alles, was sie hier in den Abfluss werfen oder spülen, später einmal im Meer ankommen wird ?

Um den Jugendlichen einen Bezug zum Meer zu ermöglichen, organisierte ich zusammen mit der Surfschule « Travel Surf Marocco » einen fünftägigen Surfkurs. Nebenbei konnten sie das eigene Selbstbewusstsein stärken. Zudem machten wir einen Ausflug auf eine Mülldeponie, wo die Jugendlichen hautnah über das grosse Problem mit dem Abfall informiert wurden.

Der Plastiksack als Zeitbombe

Dort haben wir Elsa Görlinger getroffen, tätig für die marokkanische Umweltschutzorganisation Surfrider Foundation. Sie erklärte uns, dass das Verbrennen des Mülls verboten ist. Dies aber gleichzeitig die einzige Möglichkeit sei, dass der Müll nicht ins Meer gelange. Das heisst, der Müll auf der Deponie wird auch hier verbrannt. Plastiksäcke und Tüten sind seit Kurzem in Marokko verboten. Mit der Unterstützung der Surfrider Foundation sammelten wir innert kürzester Zeit grosse Säcke Müll vom Strand auf. Widerstand oder die Frage nach dem « Warum machen wir das ? » stellten die Schüler nicht. Das hat mich nicht sonderlich überrascht, da die Notwendigkeit offen vor uns lag. In einer anschliessenden Diskussionsrunde wurde das Thema Mikroplastik und Nahrungskreislauf mit den Jugendlichen besprochen. Eine PET-Flasche, so Görlinger, bleibt bis zu 450 Jahre im Meer, bevor sie zersetzt. Damit verschwindet die Flasche jedoch nicht, sondern zerfällt in immer kleinere Teile.

Wie nachhaltig dieses Projekt sein wird, zeigt erst die Zukunft, wie bei fast allen erzieherischen Massnahmen.

24/7 im Einsatz

Kurzfristig betrachtet war es ein Erfolg. Was es nicht minder anstrengend machte. Die Mitarbeitenden gingen an ihre Grenzen, denn ein solches Lager bedeutet, dass man immer 24 Stunden am Tag im Einsatz sein muss.

« Danke, dass Du das mit uns machst », sagte ein 14-jähriger Bube beiläufig, der seit drei Jahren im Internat ist. Ein 16-jähriges Mädchen fasste es nach der Reise schriftlich zusammen. « Danke, dass ich nun solche schöne Erinnerungen mit mir herumtragen darf. » Es klang ironisch und zugleich humorvoll. Als seien die positiven Erlebnisse nun eine Last für sie.

Am Ende bekamen die Jugendlichen Antworten auf Fragen, welche sie zu Beginn der Reise nicht gestellt hatten. Es bleibt die Erfahrung, die uns lehrt, dass Glück nicht an Materielles gebunden ist.

Mayk Wendt (34) ist Co-Leiter der Bergschule in Avrona und Fotograf. Am liebsten hat er die Natur vor der Linse, weswegen er sich nicht zuletzt für den Naturschutz engagiert.