Von der Harmonisierung zur Steuerung 2018-07-25T23:19:22+00:00

Von der Harmonisierung zur Steuerung. Der Lehrplan 21 in der Kritik

Widersprüche und kaum zu vereinbarende Zielformulierungen begleiteten die Arbeiten am Lehrplan 21 seit Beginn des Projekts. Dabei wechselten sich grossspurige Verlautbarungen mit betont erwartungsdämpfender Rhetorik regelmässig ab. Das ist kein Zufall, sondern den zuweilen klar entgegengesetzten Interessen der Akteure geschuldet. Eine Chronologie.

Kurz bevor die Arbeiten am Lehrplanprojekt begannen, verabschiedete die EDK am 31. Mai 2011 folgende beruhigende Erklärung : « Bund und Kantone verständigen sich auf wenige konkrete und überprüfbare Ziele für das laufende Jahrzehnt » (Gemeinsame Erklärung des EDI und der EDK vom 30. Mai 2011).

Pikant : Die 170 Mitarbeitenden mussten gleichzeitig eine Art Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben. Nichts durfte während den folgenden zwei Jahren an die Öffentlichkeit dringen. Das war für ein simples Harmonisierungsprojekt doch eine eher merkwürdige Vorsichtsmassnahme.

Als dann aber die Projektführung das Endprodukt am 28. Juni 2013 der Öffentlichkeit vorstellte, konnte man erahnen, weshalb es dieser Geheimhaltung bedurfte. Von einem Dokument, das sich auf wenige überprüfbare Ziele beschränkte, konnte keine Rede mehr sein, umfasste es doch auf 550 Seiten 463 Kompetenzen unterteilt in 4754 Kompetenzstufen.

Meilenstein oder Klumpen am Fuss ?

Die Lehrplanverantwortlichen wirkten euphorisch : So sprach die damalige Erziehungsdirektorin des Kantons Zürich, Regine Aepli, von einem eindrücklichen Pionierwerk und der grössten « Erneuerung seit der Einführung der Schulpflicht » (TA 14.  12.  13). Und der LCH-Präsident Beat Zemp schwärmte : « Der neue Lehrplan ist ein Meilenstein und bringt der Schule entscheidende Fortschritte » (TA 28.  6.  13).

« Pionierwerk ? », « Meilenstein ? », « grösste Erneuerung seit Einführung der Schulpflicht ? », « entscheidende Fortschritte für die Schule ? » Diese Wortwahl liess eher auf eine weitere inhaltliche Schulreform schliessen als auf eine blosse Harmonisierung von bestehenden Lerninhalten, wie es der Verfassungsauftrag vorgab.

Was der Lehrplan hätte leisten sollen

Erinnern wir uns : 2006 hatte eine grosse Mehrheit der Stimmenden JA gesagt zu einer vereinfachten Mobilität bei einem Schulhauswechsel zwischen den Kantonen, zur gleichen Dauer der obligatorischen Schule und der Bildungsstufen, zur Angleichung der Bildungsziele, zur gegenseitigen Anerkennung von Bildungsabschlüssen, und – das ist kein Witz – zum gleichzeitigen Beginn des Fremdsprachenunterrichts. Vieles davon war auf gutem Wege oder bereits umgesetzt worden.

Der neue Lehrplan 21 hätte nun einfach noch eine Koordinierung und Angleichung der Ziele gewährleisten sollen. Das war ja angesichts der Tatsache, dass vor der Abstimmung über den Bildungsartikel 80 % der Lehrplaninhalte schon identisch waren, keine allzu grosse Herausforderung. Mit anderen Worten : Die Vorstellung einer Schweiz, die sich 21 verschiedene Lehrpläne leistete, war zwar eine liebevoll bemühte, aber eben falsche Legende.

Paradigmenwechsel : Vom Inhalt zur Kompetenz

Der neue Lehrplan 21 aber – und das beförderte natürlich die gute Laune der Verantwortlichen – ging weit über die ursprünglich formulierten Zielsetzungen der Harmonisierung hinaus :

Professor Kurt Reusser, Leiter des wissenschaftlichen Beirates des Lehrplanprojekts lieferte denn auch prompt die bildungspolitische Begründung für diese offensive Interpretation des Lehrplanauftrags : « Im Prinzip geht es darum, den Unterricht von der zu erreichenden Performanz her zu denken und zu gestalten (vgl. Lersch, 2007, 2010).

Lehrpersonen stehen vor der Aufgabe, Stoffe und Inhalte so auszuwählen und als Lerngelegenheiten zu gestalten, dass erwünschte lehrplanbezogene Kompetenzen daran erworben oder gefestigt werden können .» (Kompetenzorientierte Zeugnisse – Recherche im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, 22. Oktober 2013)

Und den verdutzten Lehrkräften im Lande, die immer noch von einem Harmonisierungsprojekt ausgingen, prognostizierte er : « Dazu gehören Eingangs- und Diagnosetests, Checklisten (Indikatoren) zu den jeweiligen Kompetenzrasterfeldern, die Arbeit mit Portfolios, Lerngespräche, Selbstbeurteilungen, Administrationstools etc. Evident ist, dass die Erstellung von Kompetenzrastern und die Arbeit mit ihnen mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden sind. »
Er selber tingelte mit einer Vortragsreihe durch die Universitäten und PHs der Schweiz mit dem Titel : « Steuerung durch den Lehrplan 21 ». Die Katze war also aus dem Sack und es war klar, was es mit der Geheimniskrämerei auf sich hatte. Der Harmonisierungsgedanke wurde vom Steuerungsgedanken überlagert.

Alles begann mit PISA

Um die Hintergründe dieser Entwicklung zu verstehen, müssen wir ins Jahr 2000 zurückgehen, das Jahr der ersten PISA-Studie, welche die Schweiz einer narzistischen Kränkung aussetzte. Vor allem im Bereich des Textverständnisses erwiesen sich unsere Schülerinnen und Schüler als Mittelmass, erreichten doch fast ein Fünftel von ihnen die einfachsten Grundkompetenzen nicht.

Vergessen wir einmal die Frage, ob das, was die Wirtschaftsorganisation OECD (sie ist die Auftraggeberin dieser Testreihe) da so alles gemessen hat, überhaupt dasjenige ist, von dem wir wollen, dass unsere Schüler das in der Schule lernen : Zum Beispiel Ankreuztests zu bestehen, anstatt möglichst kluge Aufsätze zu schreiben. Die Presse hyperventilierte und sprach von einem Bildungsschock. Die mediale Panik war angerichtet.

Vom Weissbuch zu Harmos

Die EDK reagierte 2004 umgehend mit einem Weissbuch, in welchem sie vorschlug, das Schulsystem auf die PISA-Test-Formate umzustellen. Von da an entwickelte sich vieles zwangsläufig : Wer eine Vergleichbarkeit will, braucht Standards. Wer Standards hat, muss diese überprüfen und benötigt Tests, und wer diese Tests will, der braucht zu erwerbende Kompetenzen, deren genaue Vermessung in ausgewiesenen Kompetenzstufen die zweifelhaften oft fehlerhaften Benotungen der Schüler durch die Lehrer ablösen und auf eine genaue empirisch zu erfassende Basis stellen sollten.

Deshalb muss auch der LP21 sich an Kompetenzen und nicht mehr an Inhalten orientieren.

Die im Weissbuch 2004 formulierten Ziele wurden in der Harmos-Abstimmung in 13 Kantonen gutgeheissen. Acht lehnten die Vorlage ab. Es ist allerdings unbestritten, dass ein Grossteil der Stimmenden keine Ahnung von gerade diesem brisanten Teil des Gesamtpakets hatte. Für die meisten war immer noch der Harmonisierungsgedanke das ausschlaggebende Motiv, was den emeritierten Berner Professor Walter Herzog zu der Bemerkung veranlasste : « Weil die SVP Harmos ablehnt, glaubt die Linke, es handle sich um ein fortschrittliches Projekt. In Wirklichkeit handelt es sich um eine ausserordentlich problematische wenn nicht sogar reaktionäre Vorlage. » (Bund 20. 9. 2008)

Gerade diese Linke ist in der Lehrplanfrage gespalten. Viele begrüssten die Aufnahme von Umweltthemen, Genderfragen und wirtschaftskritischen Kompetenzformulierungen. Ausserdem befürwortet die SP seit 2007 flächendeckende Tests mit Zertifizierung (Bildungsoffensive der SP März 2007) und steht vollkommen hinter der Kompetenz­orientierung.

Bildung, die sich nach Gewinn richtet

Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsevaluation in Zürich, liefert nun viele Tests, die in der Schweiz aktuell durchgeführt werden. Seine Anstalt ist seit 2003 eine Aktiengesellschaft, die Aufträge sind auf weite Sicht hin gesichert.

Die Lehrmittelverlage bemühen sich, ihre neuen kompetenzorientierten Lehrmittel abzusetzen. Allein die Einführung von Frühfranzösisch hat die sechs Passepartout-Kantone bis jetzt über 100 Millionen Franken gekostet. Kohorten von PH-Dozentinnen und -Dozenten freuen sich auf Weiterbildungskurse und Evaluationsaufträge. Und globale Technologiekonzerne wie Google wittern das grosse Geschäft mit der Digitalisierung.

Kurzum : Eine weltumspannende, gewinnorientierte Bildungsindustrie breitet sich aus. Analysten der Bank Julius Bär schätzen, dass im globalen Bildungsmarkt in diesem Jahr bis zu 7.8 Billionen Dollar umgesetzt werden, fast 40 Prozent mehr als 2013.

Der emeritierte Professor Rudolf Künzli drückte dies in einem Referat in Baden folgendermassen aus : « Eine Allianz von Politik, Verwaltung und Wissenschaft hat sich gebildet. Dabei geht es um Steuerung und Auftragssicherheit .» (Baden 11. 11. 2014)

Die Umstellung der Rhetorik

Mittlerweile haben viele Professoren, kritische Lehrkräfte und auch Bildungspolitiker sämtlicher Couleur auf diese Zusammenhänge hingewiesen. Der Genfer Lehrplanforscher und Pädagogikprofessor Bernard Schneuwly beurteilte « die Handlungsorientiertheit in ihrer Absolutheit und die Unterordnung von Wissen zugunsten anwendbarer Kompetenzen als eine Katastrophe » (Juli 2016). Die heftige Kritik hat ihrerseits auch eine Änderung in der Rhetorik der Lehrplanbefürworter bewirkt. Von Aufbruchstimmung oder « grösster Neuerung seit Einführung der Schulpflicht » ist kaum noch die Rede.

Christian Amsler, der Schaffhauser Erziehungsdirektor und ehemalige Präsident der Deutschschweizer-EDK, beruhigt : « Das ist gar keine Reform, für die Lehrkräfte wird sich nichts ändern. » (10vor10, November 2013) Und der bernische Erziehungsdirektor Bernhard Pulver, Leiter des politischen Führungsgremiums des Lehrplanprojekts, meinte sogar : « Die Lehrer können ihre Unterrichtsvorbereitungen alle behalten ! » Selbst Professor Reusser mahnte : « Wir müssen rhetorisch abbauen. » (Uni Zürich 14.  1.  17)

Lehrplan 21 als Teil einer Entwicklung

Ob dies ernst gemeint ist, oder es sich dabei um eine Umsetzungsrhetorik handelt, wird sich weisen. Ein Blick über unsere Landesgrenzen hinweg lässt es jedenfalls ratsam erscheinen, diese Entwicklung kritisch zu begleiten. Denn überall, wo die Kompetenzorientierung eingeführt wurde, hatte sie zum Teil massive Auswirkungen auf den Unterricht und die Bildungsqualität : normierter Unterricht, Verflachung der Inhalte, Absinken des Bildungsniveaus.

Der Lehrplan 21 ist hier nicht das Problem an sich. Er ist Symbol und unverzichtbarer Teil einer Entwicklung, die uns Sorge bereiten muss. Dieser Prozess ist von den aus der Ökonomie stammenden Begriffen Outputorientierung, Standardisierung, Steuerung, Anwendbarkeit, Messbarkeit, Bench­marking, Humankapital geprägt.

Und er ist ein äusserst widersprüchliches Dokument, das entsteht, wenn der Wunsch nach Harmonisierung des schweizerischen Bildungssystems auf Steuerungswünsche der Bildungszentralen trifft, Reformhektik sich mit pädagogischem Mainstream verbindet, sich Praxis und Bürokratie um knappe Ressourcen streiten, Allmachtsvorstellungen von Schule auf reale Bedingungen stossen und Öffentlichkeit und Professionalisierung einander gegenüberstehen.

Alain Pichard (1955), Lehrer in Biel, GLP, Mitherausgeber von « Einspruch »